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Die Kränkung

Die bloße Existenz des Westens ist für den Islam ein ständiger Affront - Debatte

Von Hannes Stein /Welt

Angenommen, es hätte sich herausgestellt, dass die Selbstmörder-Mörder dieses schwarzen Septembers doch keine Moslems waren, sondern Katholiken: Würden wir dann auch in Zeitungskommentaren aufgefordert, ihre Motive zu verstehen? Würde mit dem Finger auf die große und ruhmreiche Geschichte des Katholizismus gedeutet und gemahnt, dass es sich eigentlich nicht gehört, Witze über den Papst zu machen? Würde man das antikatholische Massaker von Drogheda beschwören, das Oliver Cromwells Soldaten im 17. Jahrhundert anrichteten? Würde man schreiben, dass Katholiken sich mit Recht durch die USA gekränkt fühlen, ein Land, das von Protestanten und Freigeistern gegründet wurde?

Nein? Aber vergleichbare Argumente hört man seit ein paar Tagen über den Islam: "Wir", das heißt der Westen, hätten die moslemischen Völker kolonisiert, unterdrückt und ihrer Identität beraubt. Deshalb sollten "wir" dem Islam gefälligst mit ein bisschen mehr Respekt begegnen. Nun ist zunächst nicht ganz klar, wer mit diesem "Wir" gemeint sein soll. Deutschland etwa hat in der Vergangenheit immer islamische Mächte unterstützt: Das Kaiserreich stand im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Osmanen, im Zweiten Weltkrieg halfen die Nazis den Arabern um Hadsch Amin al Husseini. Für das eine müsste Deutschland die Armenier um Verzeihung bitten, für das andere die Juden. Aber die Moslems? Auch Amerika kann sich von diesem diffusen "Wir" nicht gemeint fühlen; es hat einfach keine Kolonialgeschichte im Nahen Osten.

Noch undeutlicher ist freilich, was hier eigentlich "Respekt bezeugen" heißt. Der Islam selbst kennt keinen Respekt gegenüber anderen Religionen; er versteht sich als die letzte, endgültige, die nicht mehr anzweifelbare Offenbarung. Den Juden wirft er vor, sie hätten die Thora, den Christen, sie hätten das Neue Testament verfälscht. Nur der Koran enthält Gottes Wort. Dabei ist der Islam noch relativ großzügig, wenn es um Juden- und Christentum geht, weil es sich hier um monotheistische Buchreligionen handelt. Gar keine Toleranz - nicht einmal in dem minderen Sinne von "Duldung" - gibt es gegen Heiden oder Atheisten. Natürlich haben die Moslems das Recht, so zu denken. Doch westlich-liberale Gesellschaften können nur mit einem Achselzucken auf die islamische Überlegenheitsdoktrin reagieren, da sie in Fragen der Weltanschauung neutral sind. Ihre Haltung lässt sich in dem Satz zusammenfassen: "Frankly, we don't give a damn." Und genau darin liegt bei klarem Licht die Kränkung.

In Wahrheit kann keine Rede davon sein, dass im Westen respektlos über den Islam gesprochen würde. Im Gegenteil, er wird eher mit Samthandschuhen angefasst. Seit Jahrzehnten gibt es einen Boom antichristlicher Bücher, die nachweisen sollen, dass die Kirche irgendwie an jedem Genozid und Krieg der Geschichte beteiligt war; fortschrittliche Theologen geben der Bibel die Schuld an jedem Übel unter der Sonne, vom Fleischkonsum über das Patriarchat bis zu Park- und Umweltsünden. Nicht ein Bruchteil dieser Anschuldigungen ist je auf den Koran niedergeprasselt. Stattdessen betont jeder aufgeklärte Zeitgenosse, dass der Islam eine Kultur sei, die wunderbare Bauwerke geschaffen habe. Das ist auch richtig. Leider wird nur oft vergessen anzufügen, dass es in der gesamten arabischen Welt nicht einen frei gewählten Bürgermeister, nicht eine unzensierte Zeitung, nicht ein Gefängnis ohne Folterknechte gibt.

Der Islam, so hört man jetzt immer öfter, werde vom Westen gedemütigt - und keiner fragt: wodurch eigentlich? Die Antwort ist ziemlich ungemütlich: durch seine bloße Existenz. Der Westen braucht gar keine Beleidigungen auszustoßen; er ist eine Beleidigung. Sein Reichtum beschämt, seine Freiheit erscheint wie eine Gotteslästerung. Die USA wurden auf dem Prinzip errichtet, dass Staat und Religion strikt voneinander getrennt sein sollen. Dieses Prinzip ist ein Affront gegen den moslemischen Offenbarungsbegriff. Gewiss, der Islam zeigt uns viele Gesichter - in diesem Punkt aber sind sich sämtliche Glaubensrichtungen einig.

Warum wird ausgerechnet jetzt, da die USA von diesem Terrorangriff getroffen wurden, Respekt gegenüber dem Islam und der arabischen Welt eingefordert? Schließlich gibt es noch andere Religionen mit einer merkwürdigen Theologie, die große Kulturleistungen hervorgebracht haben: den Buddhismus etwa oder den Schintoismus. Aber deren Anhänger kapern keine Flugzeuge und setzen keine Hochhäuser in Brand. Sie bedrohen uns nicht. Sie verkörpern keine Macht. Dass viele Menschen just in diesem historischen Augenblick das Bedürfnis verspüren, Nettigkeiten über den Islam zu sagen, zeigt, wie tief der Schock sitzt: Schon sind wir bereit, den Angreifern ein Stück weit entgegenzugehen, ihnen klarzumachen, dass wir gutwillig sind, dass wir wirklich überhaupt nichts gegen sie haben. Aber die haben etwas gegen uns. Der Westen teilt jetzt das Schicksal Israels, dessen Lebensrecht die Terroristen der Hamas auch dann nicht anerkennen würden, wenn es bereit wäre, alle besetzten Gebiete zu räumen und den Davidstern aus seiner Flagge zu entfernen.

Keiner soll Araber angreifen, die hier leben. Sie müssen geschützt werden - nicht weil sie Moslems, sondern weil sie Menschen sind.

Quelle: http://www.welt.de/daten/2001/09/22/0922fo283649.htx?search=Hannes+Stein